Fingerübungen 1: Risse

Der Riot Turtle macht jetzt Fingerübungen. Nach einem langen und zum Teil harten Weg zurück aus einem 2 wöchigen Koma in 2023, bin ich jetzt an einem Punkt angelangt, an dem ich wieder anfangen werde, selbst zu schreiben. Bis ich auf mein altes Level komme, wird es noch etwas dauern, aber ich arbeite dran: Fingerübungen. Heute geht es um Risse und Brüche.

Neulich bekam ich auf der Arbeit ein Gespräch zwischen zwei Kolleg*innen mit, in denen sie sich darüber beschwerten, dass der Arbeitgeber Gewalt gegen die zu betreuenden Kinder verbiete. „Ein Klaps auf den Po hat noch keinem geschadet.“

Wir sprechen hier über Kinder, die oft schwer traumatisiert sind, nach teilweise massiven Gewalterfahrungen in der Vergangenheit. Ich widerspreche, ich widerspreche immer wieder und immer öfter. Es führte in diesem Fall zu einer Versetzung von einer der beiden, die auch die treibende Kraft hinter den Sehnsüchten nach mehr Autorität war.

Das rechte Gift verbreitet sich wie einem Tintenfleck. Vom Kern dehnt es sich immer weiter aus. Immer mehr Menschen verbreiten rechte Narrative und manche merken es nicht einmal. Im Laufe der Zeit wurden viele von uns damit konfrontiert, dass auch Freund*innen rechte Narrative verbreiten, also auch ich. Natürlich widerspreche ich auch dort. Manchmal reagieren sie (verbal) aggressiv und beleidigt, denn sie denken, sie würden gar keine rechten Narrative verbreiten. Sie merken gar nicht, dass der Tintenfleck sie bereits absorbiert hat. Krebsgeschwür wäre wahrscheinlich ein bessere Umschreibung, aber dieses Wort benutze ich nur ungerne. Am Anfang enstehen Risse, manchmal kommt es aber auch zu einem Bruch. Freund*innenschaft zu Ende.

In einer Gesellschaft, in der der Diskurs immer weiter nach rechts verschoben wird, werden viele von uns immer öfter erleben, dass innerhalb von Familien, Freund*innenkreisen, usw. rechte Narrative verbreitet werden. Schön ist anders, dennoch ist es wichtig, jedes Mal zu widersprechen. Immer wieder. Das ist anstrengend und unangenehm, aber es ist ein Baustein von vielen kleinen, den wir haben, um den Tintenfleck nicht auch innerhalb unserer eigenen, „privaten“ Kreise immer weiter auslaufen zu lassen.

Auch unter Genoss*innen gibt es immer mehr Risse. Statt Netzwerke aufzubauen, die wenigstens versuchen, die kommenden und zum Teil schon stattfindenden Krisen einigermaßen aufzufangen, wird immer wieder Hopium verbreitet. Falscher Optimismus zur Verdrängung der Realität und als I-Tüpfelchen feiert man sich dann auch schon mal gerne selbst. Das ist oft zu beobachten bei „Event-Aktionen“ und es hat mich immer schon gestört. Aber in einer Phase der sich zuspitzenden Faschisierung, ist diese Art von Inszenierung zunehmend kontraproduktiv. Wir sollten uns ernsthaft damit auseinandersetzen, wie wir diesem sich ausbreitenden Tintenfleck mit der nötigen Ernsthaftigkeit entgegentreten. Das Gleiche gilt für den sich immer weiter verschärfenden Klima-Kollaps.
Verdrängen kann ich super, fragt mal meine Therapeutin. Aber ich habe daran nicht auf privater Ebene so hart gearbeitet, um mich anschließend in Initiativen einzubringen, die ein kollektives Verdrängen fördern. Wir sollten uns der unschönen und harten Realität stellen, in der sich die multiplen Krisen immer weiter zuspitzen werden. Neben diesen werden auch die oben beschriebenen Auseinandersetzungen im Privaten uns immer öfter und härter treffen. Es ist längst zu spät, aber lasst uns nicht aufhören zu widersprechen, auch und gerade innerhalb unserer Familien- oder Freund*innenkreisen zu intervenieren. Immer wieder. Auch wenn die Risse dadurch zum Bruch werden.

Währenddessen sollten wir uns auf den sich immer weiter verschärfenden Kollaps vorbereiten. Mutual Aid Strukturen im Dorf und Stadtteil aufbauen. Und ja… es dürfen auch Struktürchen sein.

Riot Turtle


Der Riot Turtle macht jetzt Fingerübungen. Nach einem langen und zum Teil harten Weg zurück aus einem 2 wöchigen Koma in 2023, bin ich jetzt an einem Punkt angelangt, an dem ich wieder anfangen werde, selbst zu schreiben. Bis ich auf mein altes Level komme, wird es noch etwas dauern, aber ich arbeite dran: Fingerübungen. Heute geht es um Risse und Brüche.