Fingerübungen 2: Brüche

Ich habe, ehrlich gesagt, nie einen Zweifel daran gehabt, dass die kapitalistische Logik aberwitzig viele Menschen umbringt. Man lernt so einiges, wenn man zum Teil in Heimen aufgewachsen ist und mit 15 Jahren für einige Zeit auf der Straße gelebt hat. In Fingerübungen 2 geht es um einen Todeskult.

Zwischen den Zeilen von Medusa gelesen, kann sich die Apokalypse auch in etwas anderes verwandeln, sich in eine emanzipatorische Perspektive umkehren, die offenbart, dass durch die Risse dieser einzig möglichen Welt in Wirklichkeit unendlich viele andere Welten möglich sind: „Um die Wirkung der Medusa vollständig zu zerstören, muss man das Realitätsprinzip, auf dem sie beruht, auf den Kopf stellen“ (S.150). – Aus Lachen über die Apokalypse I Bonustracks

Heiß war es in den vergangenen Tagen. Sehr heiß. Ich weiß nicht genau, wie viele Menschen in den letzten Wochen den Hitzetod kennenlernen durften. Nicht nur hier in Schland, aber eben auch hier. Die Meister des Todes haben gestern einen Text auf ihrer Bundesumweltministerium-Webseite veröffentlicht, in dem der Bevölkerung geraten wurde, die Wohnung auf maximal 26°C zu halten und genug Wasser zu trinken. Als ich das gelesen habe, waren es laut Anzeigegerät 30,7°C in meiner Wohnung. Es gingen witzige Postings über diese Veröffentlichung viral. Mir war aber nicht zum Lachen. 

Während Fridays For Future mit ihren absurden Appellen an die Meister des Todes immer mehr zur Realsatire verkommt, ist in vielen Orten aber auch ein Hauch von Radikalisierung zu spüren. Immer mehr Menschen wird langsam klar, dass niemand kommen wird, um uns zu retten. Nein, auch der grüne Messias nicht. Der hat mit seinen LNG-Anlagen während der Ampel mehr fossile Infrastruktur bauen lassen, als viele seiner Vorgänger*innen. Die Zeit für Appelle ist einfach vorbei, nicht nur weil die Meister des Todes in Industrie und Politik nicht zuhören, sondern auch weil sie schlichtweg andere Prioritäten haben. Wir sind nur Humankapital, aber wenn Prioritäten sich ändern, können wir halt weg.

Das ist natürlich keine neue Erkenntnis, aber es scheint, als ob immer mehr Menschen zu dieser Schlussfolgerung kommen. Die Masken von vielen Meistern des Todes hängen schon halb herunter. Ihre hässlichen Fratzen sind deutlich erkennbar. Eine der Fragen, die wir uns selbst stellen müssen, lautet meiner Meinung nach: Was machen wir damit? Einerseits sollte uns klar sein, dass wir selbst Verantwortung übernehmen müssen. Der Klimakollaps ist kein plötzliches Ereignis. Tag X wird nicht kommen. Es ist ein schleichender Prozess, der längst eingesetzt hat. Andererseits bieten große Krisen auch immer die Voraussetzung für große Veränderungen. 

Im Bonustracks-Zitat unter der Einleitung (oben) steht u.a.: “die Apokalypse [können wir] auch in etwas anderes verwandeln, […] in eine emanzipatorische Perspektive umkehren, die offenbart, dass durch die Risse dieser einzig möglichen Welt in Wirklichkeit unendlich viele andere Welten möglich sind.”

Ich verstehe dieses Zitat so: Die sogenannte liberale Demokratie mit ihrem kapitalistischen Todeskult wurde immer als etwas schönes und alternativloses verkauft und genau das gelingt nun immer schlechter. Indem die Meister des Todes business as usual unter immer schlechter werdenden Bedingungen fordern, sägen sie gleichzeitig den Ast ab, auf dem auch sie sitzen. Sie sind nicht länger in der Lage, eine Perspektive zu bieten, aber werden mit ihren rassistischen und faschistischen Ablenkungsmanöver noch mehr Menschen in den Tod reißen. Aber es werden auch immer mehr Gründe gezeigt, warum ihnen die Gefolgschaft verweigert werden sollte. Nach dem Mittelmeer als Massengrab lässt sich inzwischen auch die Sahara grüßen, aber eben auch Dachgeschosswohnungen und unklimatisierte Altenheime in Nordrhein-Westfalen.

Für mich persönlich bedeuten diese Entwicklungen, dass ich selbstorganisierte Strukturen und DIY Methoden für z.B. sauberes Wasser, oder DIY-Klimaanlagen für wichtig halte. Selbstorganisierte, linke Prepping-Netzwerke aufbauen gehört auch dazu. Das geht natürlich nicht ohne Kampf. In Paris haben die Bullen am Wochenende kleine mobile Pools, mit denen Menschen sich auch in den Banlieus abkühlen können, beschlagnahmt. Also ja, Kampf. Nicht appellieren. Und sowieso: Ich habe weder irgendwelchen Politclowns in Berlin, oder Brüssel, noch sonst wo was zu sagen. Ich wünsche mir, dass wir die vorhin schon genannten vielen möglichen anderen Welten eine nach der anderen aufbrechen und den Todeskult und ihre Repräsentant*innen hinter uns lassen.

Riot Turtle