Ein Modell aus den Twin Cities
Im folgenden Bericht schildern Teilnehmer*innen der Lärmdemonstrationen vor Hotels, in denen Bundesbullen in den Twin Cities untergebracht sind, ihre Erfahrungen und erläutern, wie diese Taktik auch anderswo eingesetzt werden könnte.
Ursprunglich veröffentlicht auf CrimethInc. Übersetzt von Riot Turtle.

26. Januar 2026
Am Montag, dem 26. Januar, versammelten sich rund hundert Demonstrant*innen vor dem „SpringHill Suites by Marriott“ in Maple Grove, Minnesota, um den in Ungnade gefallenen ehemaligen „Commander at Large” der Zoll- und Grenzschutzbehörde (ICE) Greg Bovino zu verabschieden, der gerade degradiert worden war und nach Kalifornien zurückgeschickt wird. Die Demonstrant*innen benutzten Trillerpfeifen, trommelten auf Snare Drums und schlugen auf Töpfe und Pfannen. Grenzschutzbullen, die mit der örtlichen Bullen zusammenarbeiteten, reagierten darauf mit Tränengas und Pfefferkugeln, schubsten wahllos Menschen und verhafteten mindestens zwei Demonstrant*innen.
Dies war die jüngste einer Reihe von Lärmdemonstrationen, die sich gegen die Hotels richteten, in denen die Besatzungstruppen untergebracht sind. Bislang haben mehrere Hotels infolgedessen geschlossen, und es ist denkbar, dass auch einige Söldner*innen ohne Ruhepause auskommen mussten.
Zwei Tage nachdem die Bewohner*innen des Stadtteils Whittier nach dem brutalen Mord an Alex Pretti die ICE-Bullen vertrieben hatten, entschied sich das Regime, Bovino als öffentliches Gesicht der Bundesbesatzung auszuwechseln. Seine Position als „Commander-at-Large” wurde abgeschafft, und Nachrichtenagenturen berichten, dass alle Zoll- und Grenzschutzbullen Minneapolis verlassen werden. Dadurch wird die Zahl der Bundes-Söldner*innen, die die Twin Cities besetzen, um ein Drittel reduziert – aber es bleiben immer noch 2000 Agenten*innen der Einwanderungs- und Zollbehörde übrig, die uns weiterhin terrorisieren werden, wohl mit noch mehr Unterstützung durch den demokratischen Gouverneur und den Bürgermeister.

26. Januar 2026
Dennoch ist dies der erste Riss in der Panzerung unserer Unterdrücker*innen. Sie machen dieses Zugeständnis nicht, weil sie Alex Pretti ermordet haben, sondern weil die Menschen sich gewehrt haben. Der Kampf ist noch lange nicht vorbei – Einwanderungszar Tom Homan wird bald Bovino ersetzen, und wir müssen uns auf eine neue Strategie einstellen. Aber es ist aufschlussreich, dass die CBP-BorTac-Bullen (*1), die im ersten Akt dieser Invasion die theatralischsten Gewalttäter*innen waren, als Erste aus dem Kampf aussteigen, nachdem sie eine einzige Niederlage erlitten haben, so wie es Feiglinge tun.
Was in den Twin Cities geschieht, ist der Auftakt zu einem viel größeren Kampf, der sich im ganzen Land entfalten wird. Wir können euch dabei helfen, euch für den Kampf gegen dieselben Kopfgeldjäger*innen zu rüsten, wenn sie in eurer Stadt auftauchen, indem wir euch die Taktiken vermitteln, mit denen wir sie hier bekämpfen. Neben den Netzwerken für schnelle Interventionen, dem Generalstreik, den Blockaden und Revoltaktionen, wenn Menschen erschossen werden, haben wir auch mit Lärmdemonstrationen experimentiert.
Hier sind unsere bisherigen Erfahrungen.

26. Januar 2026
Die Lärm-Demos
Die erste Lärmdemo, an der ich teilnahm, fand im Home2 Suites by Hilton in Bloomington, Minnesota, in der Nähe der Mall of America statt. Das war ganz am Anfang der Besetzung, als schnelle Interventionen noch hauptsächlich über Netzwerke im Süden der Stadt organisiert wurden und sich noch nicht auf den Rest von Minneapolis und den gesamten Ballungsraum ausgeweitet hatten. Ich sah eine Infografik, die im täglichen Patrouillen-Chat geteilt wurde und in der die Leute gebeten wurden, mit sachen die Krach machen zu kommen und darüber nichts in den sozialen Medien zu posten.
Als wir am Hotel ankamen, warteten etwa ein Dutzend Demonstrant*innenen und vier Bullenkarren von Bloomington mit eingeschalteten Blaulichtern auf dem Parkplatz. Es hieß, dass die Signal-Gruppe, die zur Planung der Demonstration genutzt wurde, infiltriert worden war, sodass vor Ort ein neuer, etwas besser kontrollierter Planungs-Chat eingerichtet werden musste. Wir umrundeten das Hotel, schlugen auf Töpfe und Pfannen, bliesen Trillerpfeifen, spielten Blechblasinstrumente und lösten Autoalarme aus. Als wir unsere Runde beendet hatten, machten wir weiter und drehten noch eine Runde. Dann fuhren die Bullenkarren vor, um uns den Weg zu versperren, und wir gingen.
Die Gruppe, die aus diesejr Demonstration hervorging, bestand aus Menschen aus alle Gesellschaftsschichten, wurde jedoch de facto von Vertreter*innen einer bestimmten, seit langem bestehenden formellen Organisation angeführt, die Aufzeichnungen der Demonstrationen veröffentlichte und sich zu ihnen bekannte. Man muss dieser größeren, öffentlichkeitswirksamen Organisation zugutehalten, dass ihre Erfahrung, ihr Selbstbewusstsein, ihre wahrgenommene Legitimität und ihre organisatorischen Fähigkeiten wohl entscheidend dazu beigetragen haben, Lärmdemonstrationen als Taktik in den Twin Cities populär zu machen.

25. Januar 2026. Ihr könnt diesen Aufkleber bei CrimethInc bekommen.
Die Strategie umfasste zwei Arten von Demonstrationen:
- Kleinere, Lärmdemonstrationen mit eine stille Mobilisierung, die nur an diejenigen weitergegeben werden, denen die Organisator*innen vertrauen – diese ziehen in der Regel 10 bis 25 Teilnehmer*innen an, was dennoch ausreicht, um ein ganzes Hotel zu wecken, und
- Weniger häufige öffentlich angekündigte Lärmdemonstrationen mit selbsternannten Protestmanager*innen in gelben Westen, die bereit sind, die viel größere Menschenmenge zu lenken.
In Bezug auf die nur auf Einladung zugänglichen Lärmdemonstrationen koordinierte die Gruppe schnell neue Wege, um Hotels zu identifizieren und bei den Hotels zu protestieren, die mit den faschistischen Besatzern zusammenarbeiteten. Einige Leute gingen zu den Hotels, gaben sich als Gäste aus und fragten die Angestellten, ob sie gehört hätten, dass dort ICE-Bullen übernachteten. Andere gingen Hinweisen nach, indem sie die Hotelparkplätze nach bestätigten ICE-Kennzeichen absuchten. Als ein Mitarbeiter*in entlassen wurde, weil er*sie den Organisator*innen einen Hinweis gegeben hatte, dass die ICE in ihrem Hotel untergebracht war, entwickelten die Menschen Online-Formulare für anonyme Hinweise.
Alle überlegten sich neue Möglichkeiten, um immer mehr Lärm zu machen. Komplette Schlagzeugsets wurden schnell zu einem festen Bestandteil der Demonstrationen und tauchten sowohl in stationärer als auch in mobiler Form auf. Eine Person brachte tragbare persönliche Alarme mit, die einen hohen Dezibelwert erzeugen, wenn ein Stift gezogen wird, und sich erst wieder ausschalten lassen, wenn der Stift wieder eingesetzt wird. Diese Geräte, die unter den Teilnehmern weit verbreitet waren, bereiteten den Hotels ziemliche Kopfschmerzen, wenn sie nach dem Abzug der Demonstrant*innen mit den Stiften an unzugänglichen Stellen zurückgelassen wurden. Die Menschen begannen, leistungsstarke Taschenlampen mitzubringen und sie in die Fenster der Hotelzimmer zu leuchten.
Um einen Zeitpunkt und einen Ort festzulegen, erstellten die Teilnehmer*innen für jede Demonstration einen neuen Chat und wählten einen Ort in der Nähe, an dem sie sich trafen und die Einzelheiten des Plans für diesen Abend besprachen. Eine neue Idee war es, zunächst für eine vereinbarte Zeit die Autoalarmanlagen auszulösen und dann unsere Fahrzeuge stehen zu lassen, um zu Fuß Lärm zu machen und in Runden um das Hotel herumzulaufen. Wenn die Bullen auftauchen und eine Verwarnung aussprechen, verlassen wir den Ort, weil wir denken, dass kleinere Gruppen diesen Befehlen nicht so effektiv widerstehen können wie eine große Menschenmenge.
Schließlich begannen einige Leute, eine Liste mit Hotels zu erstellen, die sie an einem bestimmten Abend ins Visier nehmen wollten. Wir protestierten vor einem Hotel, bis die Bullen eintrafen, und zogen dann einfach weiter zum nächsten in einem anderen Stadtteil oder sogar einer anderen Stadt.

25. Januar 2025
Ende Dezember hatten Genoss*innen erfahren, dass sich Bundesbullen im Canopy by Hilton im Mill District von Minneapolis und erneut im Home2 Suites in Bloomington bei der Mall of America aufhielten – derselbe Ort, der oben erwähnt wurde. Der Plan für diese Nacht war, sich um Mitternacht in der Nähe zu treffen, um zu besprechen, wie wir die Demonstration beginnen wollten. Bestimmte Personen übernahmen bestimmte Aufgaben: Eine Person sollte als Verbindungsperson zur Polizei fungieren, eine andere sollte wütende Schaulustige beruhigen und versuchen, sie für die Demonstration zu gewinnen. Unser Ziel war es, sicherzustellen, dass die Demonstration so lange wie möglich andauern konnte, auch nachdem die örtlichen Bullen erschienen waren, um sie zu beenden.
Die Aktion am Canopy begann kurz nach Mitternacht. Sie zog eine größere Menschenmenge für eine der kleineren Demonstrationen an. Die Leute hatten eine Vielzahl von Krachmachern mitgebracht: Töpfe und Pfannen, Lautsprecher, Trillerpfeifen, ein komplettes Schlagzeug, Megafone, sogar ein Didgeridoo. Einige hatten auch Taschenlampen und einen Laserpointer dabei, um damit in die Fenster der Hotelzimmer zu leuchten. Das Hotelpersonal rief schnell die Bullen, um den Tumult zu beenden, aber die Polizei reagierte nur langsam.
Das Geräusch war in mehreren Richtungen über mehrere Blocks hinweg zu hören. Nachbar*innen aus vielen Wohnblocks kamen nach draußen, um zu sehen, was los war. Jemand sprang sogar aus seinem Auto, um einer Demonstrant*in eine Luftdruckhupe zu geben, und fuhr dann mit hupendem Auto um den Block! Nachdem die Demo etwa 20 bis 30 Minuten im Gange war, tauchten einige Streifenwagen der Polizei von Minneapolis auf, die langsam an der Demonstration vorbeifuhren, aber die Bullen stiegen nicht aus ihren Autos aus und verkündeten auch nicht, dass die Menge unrechtmäßig auf dem Gelände sei.
An einem gewissen Punkt standen vier Mannschaftswagen am Ende der Straße links von der Demonstration und unterhielten sich vermutlich darüber, wie sie mit den Demonstrant*innen umgehen sollten. Nach einer offenbar langen Diskussion fuhren sie wieder weg.
Die Lärmdemonstration dauerte eine volle Stunde lang an, ohne dass die Polizei oder verärgerte Anwohner*innen eingriffen. Mein Gefährt*in und ich verließen den Standort Canopy, um zum nächsten Treffpunkt in Bloomington zu fahren. Nachdem wir gegangen waren, blieben die Genoss*innen, die noch im Canopy by Hilton waren, zurück, um mit der Presse über die Aktion zu sprechen. Kurz darauf rückte die lokale Polizei mit einer absurd massiven Machtdemonstration an. Nach Angaben unserer noch anwesenden Genoss*innen tauchten sie mit einem Dutzend oder mehr Mannschaftswagen auf – ein Aktivist scherzte, dass auf jeden Bullen, der zur Demonstration gerufen worden war, ein Auto kam. Ein der Bullen verkündete über Lautsprecher, dass die Aktivist*innen den Ort verlassen müssten, und erklärte die Aktion zu einer „unrechtmäßigen Versammlung”. Es kam jedoch zu keinen Festnahmen.
Nach der Aktion im Canopy trafen sich unsere Genoss*innen mit uns in Bloomington, um unseren Aktionsplan für das nächste Hotel festzulegen. Es war kalt und regnerisch, also beschlossen wir, es kurz und bündig zu halten. Wir fuhren auf den Hotelparkplatz und ließen unsere Autoalarmanlagen einige Minuten lang losgehen, bevor wir ausstiegen, um ein paar Runden um das Hotel zu drehen und Lärm zu machen. Die Bullen reagierte auf diese Demonstration anders als auf die zuvor in diesem Winter. Sie war nicht bereits vor Ort und wartete auf uns, aber sie reagierte schnell. Die Bullen forderten die Aktivist*innen auf, das Gelände sofort zu verlassen, sonst würden sie wegen Hausfriedensbruchs angezeigt.

25. Januar 2026
Die erste öffentliche mobilisierte Demonstration mit großer Beteiligung fand in Edina statt, einem wohlhabenden Vorort von Minneapolis. Die Menge umfasste locker etwa 200 Personen. Im Laufe der Nacht kamen immer mehr Menschen hinzu, was bei Lärmdemonstrationen oft der Fall ist. Die Leute waren wütend, aber die Stimmung war eher wie auf einer Party. Die Demonstrant*innenen tanzten, lachten und unterhielten sich, wenn sie gerade keine Krachmacher benutzten. Einige identifizierten die Fahrzeuge der Bundes-Söldner und tauschten sich darüber aus, wie man sie erkennen kann. Die Organisator*innen versuchten, die Menge auf dem Bürgersteig und vom Hotelgelände fernzuhalten, in der Hoffnung, eine Reaktion der Bullen zu verzögern, scheiterten mit diesem Versuch aber weitgehend.
Zum ersten Mal betraten in Zivil gekleidete ICE-Bullen, die im Hotel wohnten, die Lobby mit vermummten Gesichtern, um den Tumult zu beobachten. Das machte die Leute noch wütender, und viele rannten zu den Türen und Fenstern, um die Besetzer*innen anzuschreien, gegen die Scheiben zu hämmern und ihnen mit Stroboskoplichtern in die Augen zu leuchten. Als einer der Bullen versuchte, die Leute zu provozieren, indem er sich auf seinem Handy Basketball-Highlights anschaute, schrie ein Demonstrant*in: „Du guckst Werbung, du kaputter Arsch! Bring dich um!“ Der Bulle verschwand kurz darauf in seinem Zimmer.

25. Januar 2026
Jedes Mal, wenn die Leute anfingen, sich direkt mit den Bundesbullen anzulegen, versuchten dien Friedenspolizist*innen (*2) in ihren gelben Westen verzweifelt, die Demonstrant*innen dazu zu bringen, noch eine Runde um das Hotel zu drehen. Auch diese Bemühungen waren nur mäßig erfolgreich. Schließlich kamen zwei Bullen aus Edina und stellten sich vor den Haupteingang des Hotels. Sie versuchten, eine Auflösung der Versammlung anzuordnen, wurden aber von den Demonstrant*innen komplett niedergebrüllt.
Bei jeder Lärmdemonstration solltet ihr Ohrstöpsel tragen – das hat mir mein Tinnitus gelehrt.
Die Ordner*innen der Demonstration beschlossen, dass es ihre Aufgabe sei, die Arbeit der Polizeikräfte zu übernehmen. Sie forderten alle auf, sich zu zerstreuen. Ein großer Teil der Menge ignorierte diese Aufforderung, woraufhin die Ordner*innen einfach gingen. Die Bullen versuchten wiederholt, die Menschenmenge durch Warnungen zu zerstreuen, jedoch ohne Erfolg.
Schließlich erschienen die Polizeikräfte von Edina und vier benachbarten Bullenreviere in voller Kampfausrüstung, erklärten das gesamte Hotel und die umliegenden Häuserblocks zu einer ungesetzlichen Versammlung und drohten mit dem Einsatz chemischer Waffen. Als die immer kleiner werdende Menge der Demonstrant*innen sah, dass die Bullen in der Überzahl waren, zogen sie sich zurück und entgingen so einer Verhaftung oder Verletzungen. Zu diesem Zeitpunkt standen fünf verschiedene Bullenreviere bereit, um das Eigentum der Kollaborateuren zu schützen.
In diesem Fall eskalierten die Demonstrant*innen bis zum maximal möglichen Ausmaß und entschieden dann selbst, wann die Situation ungünstig wurde – eine Entscheidung, die die „Protestaufseher*innen“ gerne selbst getroffen hätten.

25. Januar 2025
25.-26. Januar
Diese Proteste erreichten ihre angestrebten Ziele. Mehrere Hotels beschlossen schließlich, die Mörder nicht mehr zu beherbergen, selbst nachdem die Demonstrationen beendet waren, und einige Hotels in St. Paul stellten ihren Betrieb vollständig ein.
Vor diesem Hintergrund begannen die ursprünglichen Organisator*innen, andere Gruppen zu ermutigen, eigene Lärmdemonstrationen zu planen. Die Vorteile eines solchen dezentralisierten Ansatzes zeigen sich anhand der Demonstration, die am 25. Januar, einen Tag nach der Hinrichtung von Alex Pretti und den darauf folgenden Straßenkämpfen, auf der University Avenue stattfand.
Die Teilnehmer*innen der Lärmdemonstration vom 25. Januar hatten sich Notizen darüber gemacht, was auf den Straßen funktioniert hatte. Die Zusammenstöße, die am 24. Januar zur Entstehung des Alex-Pretti-Platzes führten, waren durch die rasche Verbreitung von Barrikaden gekennzeichnet. In der Nacht des 25. Januar, als ich sehen konnte, was im Home2 Suites an der University Avenue vor sich ging, waren Mülltonnen, Holzpaletten und Matratzen auf die Straße gezogen worden, wodurch die University Avenue auf beiden Seiten des Hotels blockiert war. Die Demonstrant*innen machten viel Lärm. Mindestens ein Fenster wurde eingeschlagen, während die übrigen mit Botschaften wie „Fuck ICE, ICE Out!“ und „Killers stay here“ versehen wurden.

25. Januar 2026
Einige Demonstrant*innen rissen Schilder vom Gebäude herunter, andere betraten die Lobby und „stellten“ die Möbel um.
Nach mindestens zwei Stunden reagierten die Bundesbullen zum ersten Mal direkt auf eine Lärmdemonstration und ebneten damit den Demonstrant*innen den Weg für neue Aktionen. Da die Straßen gesperrt waren, mussten die Bundesbullen von der Seite zu Fuß anrücken, füllten die Straße mit Tränengas und schossen mit Gummigeschossen in die Menschenmenge, um ins Hotel zu gelangen.
Dennoch blieben die Demonstrant*innen noch eine Weile vor Ort und warfen sogar einen Topf aus Metall auf den Kopf einer Bundesbulle, der die Demo-Teilnehmer*innen mit einer Schrotflinte an der Eingangstür bedrohte. Schließlich trafen Dutzende Bundesbullen und lokale Bullen aus Minneapolis in Kampfausrüstung ein, um die Barrikaden zu räumen und die im Hotel untergebrachten ICE-Bullen zu evakuieren. In der folgenden Rangelei verhafteten sie 14 Personen. Die Bullen bildeten eine Kampflinie, während eine nun kleinere Gruppe von Demonstrant*innen westlich des Hotels geduldig auf dem Bürgersteig wartete und die Bundesbullen beschimpfte. Nach etwa einer Stunde fuhren die Bundesbullen davon und füllten bei ihrem Rückzug erneut die Nachbarschaft mit Tränengas.
Nachdem die Polizei und die Bundesbullen abgezogen waren, kehrten die Demonstrant*innenen sofort vor das Hotel zurück und machten eine weitere Stunde lang Lärm und bemalten es mit neuen Farben. Die lokale Bullen von Minneapolis kehrte in voller Kampfausrüstung zurück, diesmal mit Mitarbeiter*innen der stadt im Schlepptau, und benutzte dieselben Bulldozer und Müllwagen, die sie gegen obdachlose Nachbar*innen einsetzt, um die Barrikaden von der Straße zu räumen.
Wieder warteten die Demonstrant*innen einfach darauf, dass sie gingen, und machten danach weiter Lärm. Als ich die Ereignisse nicht mehr verfolgen konnte, hatte die Demonstration bereits sechs Stunden gedauert – die mit Abstand längste, von der ich je gehört habe.

25. Januar 2026
Takeaways
Öffentliche Kampagnen können den Stein ins Rollen bringen. Eine Eskalation dient dazu, schnellere Ergebnisse zu erzielen.
- Die weniger störenden Lärmdemonstrationen trugen dazu bei, Menschen zu mobilisieren, erreichten jedoch nicht immer ihre Ziele. Beständigkeit allein reicht nicht aus; wichtiger ist, dass die Hotels und Autoritäten die Bewegung als unberechenbar empfinden. Als sich selbst als „friedlich” bezeichnende Lärmdemonstrationen im Abstand von einem Monat am selben Ort stattfanden, führte dies beim zweiten Mal lediglich zu einer härteren Reaktion der Bullen. Im Gegensatz dazu zwang die Demonstration auf der University Avenue die Bullen dazu, noch vor Ende der Demo zu verschwinden. Die Polizei schützt Privateigentum, und Unternehmen nutzen dieses Eigentum, um Gewinne zu erzielen, indem sie den Mördern und Entführern unserer Nachbar*innen unterstützen. Die Neugestaltung oder anderweitige Umgestaltung dieses Eigentums ist eine natürliche Erweiterung der Lärmdemonstration als umfassendere Taktik.

25. Januar 2026
Wähle deine Auseinandersetzungen mit Bedacht. Bekämpfe deinen Feind, wenn er sich ausruhen muss.
- Der Vorteil von Lärmdemonstrationen besteht darin, dass sie es den Menschen ermöglichen, ihren Besatzern direkt und zu ihren eigenen Bedingungen entgegenzutreten. Dies unterscheidet sich von Patrouillen, schnellen Einsätzen und den Straßenkämpfen, die jedes Mal ausbrechen, wenn ein Bundesbulle einen geliebten Nachbar*in ermordet oder entführt. Indem sie die Initiative ergreifen, können die Demonstrant*innen die Bedingungen für eine Auseinandersetzung festlegen und die Gelegenheit nutzen, ihren Vorteil auszuspielen. Indem sie beispielsweise vorübergehend den Ort verließen, als zahlenmäßig überlegene staatliche Kräfte eintrafen, um dann sofort wieder zurückzukehren, sobald diese wieder abgezogen waren, konnten die Demonstrant*innen auf der University Avenue die Dauer ihrer Aktion maximal verlängern, das Risiko für ihre Gesundheit und Freiheit minimieren und die Faschisten dazu zwingen, ein Maximum an Ressourcen einzusetzen. Wir sollten daraus lernen und diese Strategie in zukünftige Aktionen einfließen lassen. Wenn die Polizeikräfte nicht wissen, ob wir zurückkommen, müssen sie jedes Mal, wenn wir an einem Ort auftauchen, Kräfte dort stationieren und ihre Truppen aufteilen.

25. Januar 2026
Eine gute laufende Lärmdemonstration wirbt für sich selbst.
- Viele Menschen hassen die ICE. Das Aufdecken der Standorte der Faschisten und ihrer Kollaborateure politisiert und radikalisiert diejenigen, die Zeugen dieser Demonstrationen werden. Bei fast jeder dieser Demonstrationen hupen vorbeifahrende Autos zur Unterstützung. Viele fahren mehrere Runden, um weiter zu hupen. Diese Veranstaltungen machen Spaß – sie haben eine unbestreitbar positive Energie. Sogar Hotelgäste kommen nach draußen, um sich uns anzuschließen. Lärmdemonstrationen tragen dazu bei, die Besetzung für die Nachbar*innen zu entmystifizieren, indem sie die Nähe und Verletzlichkeit der Besetzer und die Macht, die jeder hat, etwas dagegen zu unternehmen, offenbaren.

25. Januar 2026
Fußnoten
(*1) Die Border Patrol Tactical Unit (BORTAC) ist eine Elite-Einheit des US-Grenzschutzes (CBP), die auf hochriskante Einsätze, Terrorismusbekämpfung und Geiselbefreiungen spezialisiert ist. Mit Hauptsitz in El Paso, Texas, bietet sie Sofortreaktionsfähigkeiten bei nationalen Sicherheitsbedrohungen. BORTAC-Agenten werden in taktischen Fähigkeiten, Scharfschießen und Aufstandsbekämpfung geschult, um Kartelle und „kriminelle“ Organisationen zu bekämpfen.
(*2) Funktion: Die „Friedenspolizei“ (Peace Police) soll Gewalt verhindern, Sachbeschädigungen stoppen oder Sitzblockaden auflösen, die nicht konsensfähig sind.
Kritik: Kritiker (insbesondere aus der „abolitionistischen“ Szene) argumentieren, dass die „Peace Police“ Protestbewegungen schwäche, indem sie radikale Aktionsformen unterdrückt und staatliche Sicherheitsinteressen schützt.