Der Krieg der kleinen Schildkröte [Atlanta]

Tortuguita (Tort)  war der Waldname des Waldverteidiger*ins, die am 18. Januar in Atlanta von Bullen getötet wurde. Tortuguita ist eine verniedlichung vom spanischen Tortuga und bedeutet soviel wie  „kleine Schildkröte“. Mit einem ähnlichen Spitznamen und konfrontiert mit der massiven Polizeigewalt in Lützerath letzte Woche, hat man das Gefühl, Tortuguita zu kennen. Ich kannte Tortuguita jedoch nicht persönlich, aber was they/them passiert ist, hätte jedem von uns passieren können. Sei es in Lützerath oder in Atlanta.

Das „Atlanta Solidarity Fund“ (ASF) schrieb auf Ihrem Mastodon Account: „Das GBI  behauptet, es gäbe ‚keine Body Kamera Aufnahmen von dem Vorfall‘, bei dem die Polizei einen Demonstrant*in erschossen hat. Sie weigern sich, den Namen des Mörders zu veröffentlichen. Ihre Darstellung der Ereignisse hat sich (seit Gestern, Riot Turtle) erheblich geändert. Wie können sie da noch Vertrauen von der Öffentlichkeit erwarten?“ In den Vereinigten Staaten tragen Bullen im Dienst normalerweise immer Kameras am Körper, aber die Bullen behaupten, es gäbe kein Filmmaterial von der Schießerei.

Das ASF ergänzt: „Dies ist die jüngste erschreckende Entwicklung in einem Muster der polizeilichen Eskalation gegen eine Protestbewegung. Schon vor Monaten haben wir davor gewarnt, dass die stetig zunehmende Repression der Polizei dazu führen würde, dass Demonstrant*innen getötet werden, und jetzt ist es soweit.“ Abschließend schrieben das ASF: „Wir sind besorgt, dass die Polizei etwas vertuschen könnte. Wir bereiten ein Team von Anwält*innen vor, das den Fall untersuchen und eine Klage wegen fahrlässiger Tötung anstrengen wird.

Nachdem die Bullen Tortuguita getötet hatten, setzten sie sofort die Räumung der Waldbesetzung fort. Keine Pause. Nicht einmal eine Minute. Am gleichen Tag, Mittwoch, räumten die Bullen 25 Strukturen im Wald. Sieben Personen wurden verhaftet und wegen inländischen Terrorismus und Landfriedensbruch angezeigt.

Riot Turtle

Was folgt ist ein sehr bewegender Beitrag in The Bitter Southerner von einem Journalisten, der etwas Zeit mit Tort verbracht hat.

Der kleinen Schildkröte

Übersetzt von Riot Turtle.

Die Erschießung einer Demonstrant*in durch die Polizei wirkt wie ein unvermeidliches Ergebnis dieses langen Kampfes um den South River Forest in Atlanta und gleichzeitig wie eine völlig vermeidbare Tragödie.

Von David Peisner

Titelbild von Gabe Eisen

Ich kannte Manuel Teran nicht als Manuel Teran. Für mich war Manuel Tortuguita. Wie so ziemlich alle Waldverteidiger*innen, die ich während meiner Berichterstattung über die Protestbewegung gegen den Plan der Stadt, in einem Wald im Süden Atlantas eine Polizeiübungsanlage zu errichten, getroffen habe, gab sich Teran einen Waldnamen, um anonym zu bleiben. Einmal wollte Teran – die den Pronomen they/them bevorzugte, aber nicht sonderlich betroffen war, als ein früher Entwurf meiner Geschichte „The Forest for the Trees“ diese Pronomen nicht verwendete -, dass ich sie in dem Bericht als „[geschwärzt]“ anspreche, vor allem, so schien es, weil sie das lustig fand.

Aber „Tortuguita„, so erklärte Teran bei unserem ersten Treffen, war nicht nur ein zufällig gewählter, niedlicher Name. Er bedeutet „Kleine Schildkröte“ und ist eine Anspielung auf den gleichnamigen indigenen Militärbefehlshaber aus der Kolonialzeit, der die indigenen Streitkräfte im Jahr 1791 zu einem ihrer entscheidendsten Siege gegen die damals noch junge US-Armee führte. Teran zögerte, diese Hintergrundgeschichte zu veröffentlichen, denn, wie sie mir sagte, „Das lässt uns nicht wie friedliche Demonstrant*innen aussehen. Wir sind sehr friedliche Menschen, das verspreche ich.

Teran wurde am Morgen des 18. Januar bei einem Feuergefecht erschossen, bei dem auch ein Polizist der Landespolizei von Georgia eine Schusswunde im Unterleib davontrug. Am 19. Januar befand sich der Polizist in einem stabilen Zustand. Nach Angaben des Direktors des Georgia Bureau of Investigation, Michael Register, eröffnete der 26-jährige Teran „ohne Vorwarnung“ das Feuer auf die Polizeibeamten und wurde dann aus Notwehr erschossen.

Seit der Veröffentlichung meines Artikels im letzten Monat hat sich die Situation im South River Forest deutlich verschärft. Mitte Dezember kam es zu massiven Angriffen der Polizei, bei denen versucht wurde, alle Waldverteidiger*innen aus dem Intrenchment Creek Park und von der anderen Seite des Baches zu vertreiben, wo die Stadt eine Trainingsanlage für Polizei und Feuerwehr bauen will. Berichten zufolge setzte die Polizei Tränengas, Pfefferkugeln und Gummigeschosse ein, um die Aktivist*innen von den Bäumen zu vertreiben. Als ich den Wald unmittelbar nach diesen Ereignissen besuchte, waren die Camps verwüstet, die von den Waldverteidiger*innen errichteten Strukturen zerlegt und ein Community Garten zertrampelt worden. Die meisten Aktivist*innen waren aus dem Wald geflohen, obwohl einige unter einer Vielzahl von Anschuldigungen verhaftet worden waren, darunter auch – und das ist besonders umstritten – wegen inländischen Terrorismus. Als ich durch den Wald ging, sah ich einige maskierte Waldverteidiger*innen, die heimlich an den Ort zurückgekehrt waren, aber die Community, die sie im letzten Jahr aufgebaut hatten, war größtenteils zerstört.

In den darauffolgenden Wochen rissen Baufahrzeuge den betonierten Rad- und Wanderweg auf, der sich durch den Intrenchment Creek Park schlängelte, machten den Parkplatz platt, zerstörten den Pavillon und fällten eine Reihe von Bäumen. In all dem Tumult setzten die Aktivist*innen ihre Bemühungen fort, in den Wald zurückzukehren, und es kam zu einer Reihe von eskalierenden Auseinandersetzungen mit der Polizei, bis hin zu der, bei der Teran ums Leben kam und der Polizist verletzt wurde.

Im Moment habe ich noch keine genauen Informationen über die Abfolge der Ereignisse an diesem Morgen, die zu Terans Tod führten. Es ist durchaus möglich, dass sich die Ereignisse genau so zugetragen haben, wie sie von den Polizeibehörden beschrieben wurden, obwohl sich bei früheren Morden durch Polizeibeamte – einschließlich des Mordes an George Floyd – die zunächst von den Beamten gemachten Angaben als fehlerhaft erwiesen haben. Einige mögen die Herkunft von Terans Waldnamen als Beweis für ihre gewalttätigen Absichten anführen, und ich nehme an, dass das zutreffen könnte, aber es würde nicht zu der Person passen, die ich in den letzten sechs Monaten kennen gelernt habe.

Von den etwa 40 Waldverteidiger*innen, die ich während meiner Berichterstattung traf und mit denen ich sprach, verbrachte ich wahrscheinlich mehr Zeit mit Teran als mit jedem anderen. Ich tat dies nicht, weil sie eine großartige Quelle war, sondern weil sie eine großartige Gesellschaft war: neugierig, engagiert, ernsthaft, gebildet, selbstbewusst, belesen und sehr witzig. Sie liebte es, zu reden, Kontakte zu knüpfen und zu diskutieren, und sie tat dies mit Freude und Leidenschaft, ohne Bosheit.

Teran war bereits einige Monate vor unserem Treffen in den Wald gekommen. „Ich habe mich in den Wald und auch in die Community verliebt.“ Als wir uns das erste Mal unterhielten, gab sie zu, dass sie hauptsächlich deshalb zugestimmt hatte, mit mir zu sprechen, weil es regnete und es sonst nicht viel zu tun gab. „Mir war langweilig„, sagte Teran achselzuckend. Wir sprachen über Politik, über den Aufbau von Communities, über Bücher, über Musik, über die Umwelt, über Bildung und über Kinder. Teran sprach auch leidenschaftlich und wiederholt über die moralischen und strategischen Tugenden des gewaltfreien Widerstands.

Die richtige Art des Widerstands ist friedlich, denn damit gewinnen wir“, sagte sie mir. „Wir werden sie nicht mit Gewalt schlagen. Sie sind sehr, sehr gut in Gewalt. Wir sind es nicht. Wir gewinnen durch Gewaltfreiheit. Das ist wirklich der einzige Ansatz, wie wir gewinnen können. Wir wollen nicht, dass noch mehr Menschen sterben. Wir wollen nicht, dass sich Atlanta in ein Kriegsgebiet verwandelt.

„Wir gewinnen durch Gewaltfreiheit. Wir werden sie nicht mit Gewalt schlagen. Aber wir können sie mit der öffentlichen Meinung und sogar vor Gericht schlagen.“

Tortuguita

Ich habe heute viel über Terans Engagement für Gewaltfreiheit nachgedacht. Die Strafverfolgungsbehörden und andere Kritiker*innen der Waldschützer*innen haben die Bewegung immer wieder als „gewalttätig“ bezeichnet und auf mehrere Brandstiftungen und Sachbeschädigungen als Beweis hingewiesen. Es kam auch vor, dass Steine, Flaschen und – in einem Fall – zwei weitgehend wirkungslose Molotowcocktails in Richtung der Polizei geworfen wurden. Die Waldverteidiger*innen werden darauf hinweisen, dass ihre Bewegung autonom und dezentralisiert ist, was bedeutet, dass niemand Befehle erteilt oder Regeln aufstellt, so dass es keine kollektive Verantwortung für die Handlungen des Einzelnen gibt. Theoretisch mag das stimmen, aber in der Realität machen nur wenige Menschen außerhalb der Waldverteidiger*innen und ihrer eifrigen Unterstützer*innen diese Unterscheidung. Abgesehen davon hat, soweit mir bekannt ist, bis zu dem Vorfall, bei dem Teran getötet und der Polizist verletzt wurde, keine der so genannten Gewalttaten der Waldverteidiger*innen zu wirklichen Verletzungen geführt. Einige mögen die Zerstörung von Eigentum an sich als gewalttätig ansehen, aber die Grenzen zwischen dieser lockeren Definition von Gewalt und derjenigen, die sich gegen Menschen richtet, sind inzwischen ziemlich verschoben.

Ist es möglich, dass Teran mich in Bezug auf sein Engagement für den gewaltfreien Protest angelogen hat? Könnte es sein, dass sie mir nur gesagt hat, was ich ihrer Meinung nach hören wollte oder was in den Medien gut ankommen würde? Natürlich könnte das stimmen. Ist es möglich, dass sie in der Zeit seit unseren Gesprächen – in der Teran Zeuge der zunehmenden Zerstörung des Waldes wurde – radikalisiert wurde und sich ihre Meinung über Gewalt geändert hat? Sicher, auch das ist eine Möglichkeit. Aber ich persönlich habe dafür keine Beweise gesehen.

Ich bin kein Adrenalinjunkie„, sagte sie mir. „Ich sehne mich nicht nach Auseinandersetzungen. Ich bin hier draußen, weil ich den Wald liebe. Ich liebe das Leben im Wald. Ein Waldlandstreicher*in zu sein ist ziemlich entspannt. Manche Leute haben wahrscheinlich Höhepunkte, in denen es heißt: ‚Oh ja, der Lkw wird angezündet!‘ Aber ich nicht. Ich liebe es, wenn alles ruhig ist.

Teran ist mir als strategischer Denker*in aufgefallen, und alles, was sie mir über den Nutzen von Gewalt in diesem Szenario gesagt hat, gilt bis heute. Die Verteidiger*innen des Waldes werden nicht erfolgreich sein, wenn sie versuchen, mit der Gewalt des Staates mithalten zu können. Sie können es einfach nicht. Wenn also die Darstellung der Polizeibehörden wahr ist und Teran zuerst auf die Polizei geschossen hat, finde ich das in vielerlei Hinsicht beunruhigend, aber ich kann es nur als nihilistischen Akt der Verzweiflung verstehen oder als eine Art fehlgeleiteten Versuch, sich selbst auf dem Altar der Sache zu opfern. Wir hatten darüber gesprochen, dass der Tod eines Demonstrant*innen für die Befürworter*innen des Baus des Trainingszentrums der Polizei fatale Folgen haben könnte. Wie ich in der ursprünglichen Geschichte schrieb: „Ein Aktivist*in, der gegen Polizeigewalt protestiert und von der Polizei getötet wird, ist ziemlich daneben.“

In vielerlei Hinsicht fühlt sich die Schießerei an, als wäre sie der unvermeidliche Höhepunkt einer eskalierenden Konfrontation gewesen. Aber das war sie nicht. Das hätte wirklich nicht passieren müssen. Es gab so viele Gelegenheiten zur Deeskalation, die nicht genutzt wurden, so viele Möglichkeiten, wie dies hätte vermieden werden können. Während ich über diese Geschichte berichtete, führte ich mehrere Gespräche mit Menschen auf allen Seiten dieser Auseinandersetzung über die Gefahr, dass so etwas passieren könnte. Keiner wollte das. Doch jetzt ist es soweit. Zwei Menschen sind erschossen worden. Einer von ihnen ist tot. Und das ist eine Tragödie.

In gewisser Weise kannte Teran die Risiken, die sie einging, und war klug genug, um Angst zu haben. „Habe ich Angst vor dem Staat?“, fragte sie. „Es ist ziemlich dumm, keine zu haben. Ich bin ein bräunlicher Mensch. Ich könnte von der Polizei getötet werden, weil ich mich in bestimmten Gebieten aufhalte.“ Um mit dieser Angst fertig zu werden, stützte sich Teran auf ein Zitat aus Frank Herberts Dune: ‚Angst ist der Seelenkiller.‘ Über dieses Zitat denke ich oft nach. Ich habe Angst, aber man darf sich von dieser Angst nicht davon abhalten lassen, Dinge zu tun, zu leben, zu existieren, Widerstand zu leisten.

Es fällt schwer, diese Worte jetzt nicht mit einem dunklen, fatalistischen Beigeschmack zu lesen, aber als sie gesagt wurden, war das Wetter wärmer, die Stimmung besser, und diese tödlich ernsten Fragen fühlten sich weitgehend akademisch an. Jetzt sind sie es nicht mehr.

Wie geht es nun weiter? Es wird hoffentlich eine gründliche Untersuchung geben. Es werden mehr Informationen über die Geschehnisse im Wald ans Licht kommen. Aber was bedeutet das für das Trainingszentrum der Polizei, für den Intrenchment Creek Park, für die größere Perspektive des South River Waldes? In einem Gespräch, das wir vor einigen Monaten in der Gartenlaube führten, spielte Teran hypothetische Szenarien durch, die sich im Rückblick geradezu prophetisch anfühlen.

Sie könnten reinkommen und den Ort komplett zerstören, ihn niederreißen, jeden verhaften, den sie finden, jeden töten, der sich der Verhaftung widersetzt – das könnten sie tun, und Tage später wäre ein Haufen Leute wieder hier. Für jeden Kopf, den sie abschlagen würden, kämen mehr zurück, um die Verhafteten zu rächen, um die …“ Teran hielt inne, bevor er den letzten Gedanken zu Ende führen konnte, und begann erneut. „Was ich damit sagen will, ist, wenn sie mit einer großen Operation versuchen, die Bewegung vollständig zu zerschlagen, werden sie es schaffen, einige Leute zu verletzen, sie werden es schaffen, einige Strukturen zu zerstören, aber sie werden es nicht schaffen, die Bewegung zu stoppen. Das wird die Bewegung nur stärken. Es wird eine Menge Aufmerksamkeit auf die Bewegung lenken. Wenn sich genug Leute dazu entschließen, dies mit gewaltfreien Aktionen zu tun, kann man die Infrastruktur [des Staates] überwältigen. Das ist etwas, was sie mehr fürchten als Gewalt auf der Straße. Denn bei Gewalt auf der Straße werden sie gewinnen. Sie haben die Waffen dafür. Wir nicht.

Der Indigene Anführer Little Turtle, der Teran zu seinem Pseudonym inspirierte, lebte lange genug, um im Haus seines Schwiegersohns zu sterben. Tortuguita hatte diese Chance nicht, und obwohl ich sie nur kurz kannte und nicht einmal ihren richtigen Namen wusste, macht mich das traurig. Es ist ein verdammtes Klischee zu sagen, dass jemand im Kampf für etwas gestorben ist, an das er geglaubt hat, aber Teran hat das sicherlich getan, auch wenn ich es lieber gesehen hätte, wenn es nicht passiert wäre. Als Öko-Anarchist*in und Hardcore-Abolitionist*in kannten sie die Tragweite des Kampfes, den sie auf sich genommen hatte.

Die Mission der Abolitionist*innen ist erst dann erfüllt, wenn alle Knäste leer sind„, sagte mir Teran. „Wenn es keine Bullen mehr gibt, wenn das Land zurückgegeben wurde, dann ist es vorbei.“ Ich muss über der Großartigkeit dieser Aussage ein wenig den Kopf geschüttelt haben, denn Teran brach sofort in ein verlegenes Lächeln aus. „Ich erwarte nicht unbedingt, dass ich diesen Tag erlebe. Ich meine, ich hoffe es. Aber ich rauche.

David Peisner, 20. Januar, 2023

David Peisner ist Journalist und lebt in Decatur, Georgia. Er schreibt für die New York Times, den Rolling Stone und das New York Magazine und ist Autor von Homey Don’t Play That!: The Story of In Living Color and the Black Comedy Revolution, das 2018 bei 37 Ink/Simon & Schuster erschienen ist.

Fußnoten

[1] GBI: Georgia Bureau of Investigation, ähnlich wie das LKA in der BRD